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#freeDeutschland

Deniz Yücel ist frei – vorerst. Nach etwas über einem Jahr wurde der deutsch-türkische Welt-Korrespondent aus der Untersuchungshaft entlassen. Der damalige Grund für seine Verhaftung? Angebliche Terrorpropaganda. Der Grund für seine Freilassung? Unklar. Laut Außenminister Sigmar Gabriel sei die Haftentlassung auf Diplomatie und bloßes Wohlwollen der türkischen Regierung um Präsident Erdogan zurückzuführen; deutsche Panzer in Händen der türkischen Armee sprechen andere Worte. Doch egal ob sich Yücel letztlich aufgrund von einer Annäherung beider Regierungen oder eines Deals auf freiem Fuß befindet, klar ist, dass es dem geborenen Deutschen besser ergeht als vielen seiner Kollegen, die in der Türkei weiterhin teilweise zu lebenslanger Haft verurteilt werden.

Doch das Bild des „patriotischen Deutschen“, der im Ausland für die Grundwerte von Demokratie und Freiheit kämpft, dafür sogar die Repressalien einer antidemokratischen Judikative auf sich nimmt und in Deutschland tausende Menschen unter dem Motto #freeDeniz auf die Straße bringt, wurde in den Wochen nach der Freilassung Yücels scharf diskutiert. Grund dafür waren gesellschaftskritische Texte aus den Jahren 2011 und 2012, die der Journalist damals noch im Dienst der taz veröffentlichte und zuletzt weite Kreise zogen.

Super, Deutschland schafft sich ab!

Eine Kolumne mit dem Titel „Super, Deutschland schafft sich ab!“ ,ist einer dieser Texte, welche die Gemüter erhitzt. Zugegeben, die Wortwahl Yücels macht einen bösartigen Eindruck: Vom „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ ist die Rede, „Ausländerklatschen“ wird als ostdeutsche Volkssportart beschrieben und die Formulierung „Raum ohne Volk“ ist einem aus der nationalsozialistischen Lebensraumtheorie als „Volk ohne Raum“ geläufig. Kurz gesagt, Yücel lässt nichts Positives an uns Deutschen und begrüßt den Rückgang der deutschen Bevölkerung mit Applaus.

Bei vielen stiftet ein solcher Text beim ersten Lesen logischer Weise Unmut. „Für so einen setzen wir uns auch noch ein!?“, ist eine Reaktionen, die zwar nachvollziehbar ist, die eigentliche Intention Yücels kann allerdings nur derjenige verstehen, der sich selbstkritisch und reflektiert mit sich selbst und dem Text auseinandersetzt. Natürlich sind einige Passagen überspitzt, aber der Großteil der Vorurteile und Angewohnheiten, die der Gesellschaftskritiker beschreibt, sind nun mal nicht von der Hand zu Weisen. Wir Deutschen sind von Natur aus verkrampft, unsere Sprache besitzt kaum die Ästhetik des Französischen und der Umgang mit unserer eigenen Geschichte, ist der Grund, weshalb wir eben jene nicht ein Stück weit hinter uns lassen können, im Ausland immer noch als Nazis dastehen.

Kaum ein Staat hat eine Bevölkerung, die öffentlich so wenig stolz auf ihr Heimatland ist, wie die Bundesrepublik.

All das bringt Yücel in seinem Hauptkritikpunkt zusammen: dem fehlenden Patriotismus in Deutschland. Kaum ein Staat hat eine Bevölkerung, die öffentlich so wenig stolz auf ihr Heimatland ist, wie die Bundesrepublik. Doch gäbe es, bei allen Vorurteilen und Geschehenem, doch eigentlich so vieles, worauf man als Deutscher stolz sein könnte. Allein die deutsche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg ist beispiellos. Doch anstatt darauf zu verweisen, läuft der Deutsche rot an und versucht sich zu rechtfertigen, wenn er auf seine Schwachpunkte angesprochen wird.

Klar ist es in Zeiten von AfD und Montagsdemonstrationen schwierig, zu sagen: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein.“ – schnell wird man heutzutage in die rechte Ecke gestellt. Wir müssen allerdings endlich, über 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus, verstehen, dass es einen Unterschied zwischen gesundem Patriotismus und Nationalismus gibt. Bis dahin bleibt Deutschland ein „Raum ohne Volk“, oder besser gesagt ein identitätsloser Landstrich mitten in Europa, dessen Bevölkerung an der Last des Vergangenen zerbricht und Kritik als Hass verkennt.

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